Chronik

Seit dem 13. Jahrhundert entwickelten sich nach dem Vorbilde der ritterlichen Turniere des Mittelalters, doch behaglicher, gefahrloser und weniger aufregend als diese, die so genannten bürgerlichen Freischießen, bei denen nicht mehr die patrizischen Geschlechter mit ihren Rittermäßigen Gebräuchen die Kraft des Bürgertums repräsentierten, sondern die Gemeinde der Handwerker sich als Herren fühlte und ihre Waffe, der Stahlbogen, den Preis errang. Eine bestimmte Ordnung, ein Schießhaus, jährliche Schießfeste hielten die Genossenschaften zusammen, und die Stadtbehörden förderten ihre Bestrebungen mit Eifer und Wohlwollen. Ihre Ausbreittunt bis in unsere norddeutschen Gegenden hat mehrere Jahrhunderte gedauert; während in dem preußischen Ordensstande schon um 1400 absichtlich zur Pflege deutscher Gesittung und Gesinnung solche Schützengemeinschaften von den Ordensmeistern gestiftet wurden, dauerte es in der Mark Brandenburg bis zum 16. Jahrhundert.


In diese so genannte Blütezeit der Schützengilden fällt auch die Gründung der noch jetzt in der Landschaft Barnim bestehenden Vereine. Bernau hat 1861,
Wriezen 1886 auf eine 300 jährige Existenz ihrer Gilde zurückschauen können, und in diesem Jahre 1888 feiert die Strausberger Gilde, gleichzeitig mit derjenigen von Eberwalde, das Andenken ihrer Gründung vor 300 Jahren durch den Kurfürsten Johann Georg.









Vieles hat sich während dieser langen Zeit in den Bräuchen, in den Zielen der Gilden geändert, in den verschiedenen Landschaften verschiedenartig entwickelt; zu großem Bedauern muss man gestehen, dass die Gilden nicht mehr das sind, was sie vor mehreren Jahrhunderten waren, ja dass selbst in den 50 Jahren des jetzige Bestehens unserer Gilde ihr Charakter ein wesentlich anderer geworden ist. Mancher
 Zeit- und Stadtgenosse sieht heut mit still bedauerndem Achselzucken auf seine       Mitbürger herab, die eine Lust daran haben, wie dermaleinst ihre Vorfahren, zur Maienzeit, nach beendigter Ernte oder an patriotischen Feiertagen den Werktagsrock auszuziehen und in der Schützenjoppe mit dem Gewehr im festlichen Zug durch die Stadt zu schreiten, um nach beendigtem Wettkampf nach Scheibe oder Vogel im Kreise gleichgestimmter Kameraden fröhlich zu sein und nach Väter Weis der Angestammten Zechlust zu huldigen; Ausdrücke wie ,,Spielerei,'' ,,hat sich überlebt," "Vergnügungsverein wie jeder andere, wird nur durch gemeinsamen Besitz und gemeinsames Kapital zusammengehalten"- sind nichts Seltenes.

Dass nicht mehr die Verteidiger der Mauern und Tore und die Beschützer der städtischen Einwohnerschaft gegen herandringende Feinde zu sein brauchen, wie in den alten Zeiten, das danken wir dem vorigen Jahrhundert angebahnten Reform unseres Heerwesens, unserer Landesverteidigung. Aber - wenn man in den Gilden selbst
über Äußerlichkeiten das eigentliche, das innere Wesen derselben nicht außer Acht gelassen härte, wenn während der langen und trüben Perioden, in denen viele derselben mit Rücksicht auf die vaterländischen Geschicke einzugehen und zu schlummern genötigt waren, man nicht auch zugleich vergessen härte, dass sie ursprünglich die Kraft des Bürgertums repräsentiert haben: dann könnten sie immer noch nach ihrer den Kern der Bürgerschaft in sich vereinen, in ihrem Kreise Bürgersinn und Bürgertugenden pflegen und fördern und so in Zeiten der Aufregung und Unruhe, die keinem städtischen Gemeinwesen erspart bleiben, Festgegründete Stützen des öffentlichen Lebens und der bürgerlichen Ordnung sein.

Dass diese Grundidee des Schützengildenwesens nicht überall mehr so lebhaft verstanden wird, ist rief zu beklagen und auch nicht mit einem Schlage anders zu machen; geht's doch selbst den unter denkbar Verhältnissen gegründeten Kriegervereinen in ähnlicher Weise, hat sich doch auch da in die Empfindungen des wahren und hochherzigen Patriotismus allerhand kleinliches, engherziges Parteigetriebe gemischt, Unkraut, das den Weizen zu überwuchern droht. Wer aber aus genauerem Studium der allgemeinen Weltgeschichte weiß, wie gerade nationale Feste, Volksfeste, das fruchtreichste Förderungsmittel der geselligen Tugenden und der Sittlichen Bildung eines Volkes sind trotz vereinzelter Übergriffe und Ausschreitungen, vor allem aber ein mächtiger Hebel der Vaterlandliebe: der wird mir dem Verfasser mit in den Wunsch einstimmen, dass die seit den vierziger Jahren wieder belebten Schützenfeste, bei Jung und Alt, Vornehm und Gering gleich beliebt geworden, noch recht, recht lange gefeiert werden mögen! Nach diesen Vorbemerkungen, die ich teils zum Verständnis des Folgenden, teils deswegen mir nicht versagen konnte, weil in ihnen zugleich die Rechtfertigung dafür enthalten ist, dass ich meine Zeit der genaueren Erforschung einer Schützengeschichte von so g beschränk-lokalem Interesse gewidmet habe, will ich mich nun an die eigentliche Aufgabe machen.



Die Geschichte der Strausberger Schürzengilde zerfällt in drei, durch große zeitliche Zwischenräume getrennte Abschnitte. Wie sich aus dem Quellenmaterial (den Chroniken der Stadt und den Akten und Medaillen der Schürzengilde) bestimmen lässt, bestand die Gilde als solche zuerst von 1588 bis 1621, also bis ins dritte Jahr des dreißigjährigen Krieges. Sie bildete sich aufs neue zu Anfang des 17. Jahrhunderts, doch nur auf kurze Zeit, von etwa 1705 bis 1713 hat sie gelebt. Endlich nach 120 jährigem Schlummer ist sie im Jahre 1840 wiedererweckt worden. Die Gründe für diese wechselvolle Lebensgeschichte der Gilde liegen in den politischen Verhältnissen Brandenburg-Preußens.

 
 
 
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